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Tales from the Southern Hemisphere

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Brazilian Report Nr. 5

4.10.03 - Fotoeindrücke aus Sao Paulo

Hallo (für die einen endllich, die anderen: schon wieder!) und mal auf deutsch, 

Hier ein paar Eindrücke aus Sao Paulo, damit die, welche in einer Woche kommen wissen, was so auf sie zukommt und die andern sehen, was sie verpassen oder nicht :-)

Edificio Abril: Der grösste Verlag des Landes und das Gebäude zeigt deutlich den Heliport auf dem Dach. Alle wichtigen Bürogebäude im Zentrum von SP besitzen einen Helikopterparkplatz, da die Geschäftsleute so dem Stau der bis zu 7-spurigen Stadtautobahnen in der Rushhour entgehen können. Die Reichen wohnen eh in Alphaville, einer eigenen Stadt mit eigener Infrastruktur, abgeschottet von der Aussenwelt - wie man es auch aus Californien kennt. Von dort fliegen sie per Helikopter zur Arbeit und zurück.

Vila Funchal: so sieht es über viele viele Kilometer in SP aus - unzählige Hochhäuser (mehr als 20'000 wurden gezählt) mit Büros und Wohnungen. Der Wirtschaftsmotor Sao Paulo weist ein grösseres Brutosozialprodukt auf, als Argentinien oder Mexiko. Leider herrscht im Moment wie überall eine Wirtschaftsflaute mit bis 20% Arbeitslosigkeit, aber andererseits sieht man die Stadt förmlich wachsen und prosperieren.

Wohnblocks: auch im Stadtzentrum schiessen für die Mittel- und Oberschicht grosse moderne Appartementhäuser aus dem Boden. Der Grossteil der Leute wohnt aber in aneinandergebauten Einfamilienhäuser mit Garten (wie wir). 

Jardim Alvorada: genau so... das ist die Strasse vor unserem Haus in Osasco. Die Stadt hat zwar 650'000 Einwohner (wie die Stadt Frankfurt, nach der Flughafenstadt Guarulhos der zweitgrösste Vorort von SP), sieht aber eher aus wie ein aufgeblasenes Dietikon-Urdorf :-) Wie in den letzten Bildern ist zu erkennen, dass die Strom- und Telefonleitungen immer noch meist überirdisch verlaufen, was viele Leute hier stört. 

Die Strassen sind übrigens fast erstklassig, aber leider die Trotoirs Stolperfallen - da jeder für den Abschnitt vor seinem Haus selber verantwortlich ist...

Shopping Eldorado: SP ist weltweit bekannt für zwei Dinge: die grösste und vielfältigste internationale Küche der Welt und Shopping Center - riesige Einkaufspaläste a la Spreitenbach. Ein Besuch lohnt sich - dort findet man neben Läden auch Restaurants, Kinos, Abenteuerspielplätze und Fitnessstudios. Wahrscheinlich kann man hier sogar eine der alltäglichen Schönheitsoperationen vornehmen - es gibt wohl in ganz Brasilien nur sehr wenige Leute, die keine hinter sich haben, auch wenn man arm ist - man spart für einen neue Nase oder Silikoneinsätze, das ist wie wenn man bei uns zum Schneider geht. Aber auch allgemein: die Brasilianer schauen sehr auf ihre Figur und ihr Aussehen, treiben Sport und gehen ins Fitneszentrum wie kein anderes Volk, speziell in Rio und die medizinische Versorgung ist erstklassig, sodass man jährlich alle Tests über sich ergehen lässt um seine Gesundheit zu kontrollieren.

Favela: nicht alles in Brasilien sieht so aus, aber diese Kontraste zwischen Arm und Reich sind so krass wie nirgends auf der Welt - speziell in Rio (SP hat v.a. eine grosse Mittelschicht). Aber man kann auch etwas anderes sehen: im Vordergrund sieht man armseelige Bretterbuden, provisorisch zusammengezimmert von den Einwanderern (aus dem trockenen Armenhaus Brasiliens - dem Nordosten). Die Zuwanderung hat in den letzten Jahren aber abgenommen, v.a. da auch die Städte wie Bahia, Recife oder Fortaleza im Nordosten prosperieren und die Landbevölkerung eher anzieht als der ferne Süden. 

Im Hintergrund ersichtlich sind dann die Backsteinhäuser, welche schnell und schlecht gebaut werden - man zieht dann dahin und gibt die Bretterbuden auf. Hat mans dann einmal "geschafft" (die meisten Zuwanderer finden nur unterbezahlte Jobs als Maurer oder Hausmädchen, oder sammelt Flaschen und anderes reziklierbares Material - siehe den Karren im Vordergrund), baut man ein richtiges Haus oder verbessert seins in der Favela (man sieht es ansatzweise ganz links und ganz rechts oben - viele Ex-Favelas sind heute zu normalen Stadtquartieren evolviert), zieht aber selten aus, da die Sozialstruktur hier sehr wichtig ist. Die Stadt hat seit einigen Jahren Projekte, welche die Umsiedlung der Favalinos in sogenannte "Cingapuras", Sozialwohnungsblocks vorhat - ähnlich wie in Frankreich. Diese anonymen Ghettos werden aber trotz mehr Luxus nicht gerne angenommen, da dort die Freiheit und die Sozialstruktur fehlt. Von einem Besuch der Armenviertel auf eigene Faust ist jedoch strikte abzuraten (zumal die Begaffung von Armut schlechten Geschmack zeigt und da natürlich die Drogenmafia alles kontrolliert). In Rio kann man sog. Favelatours buchen, aber das ist so Menschenzoo, wenn auch sicher theoretisch interessant, da es zeigt, dass hier nicht nur Armut und Mord und Todschlag zu hause sind.

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Brazilian Report Nr. 6

27.12.03 - Stille Nacht, Heilige Nacht? - Na und?!

lang lang ist's für einige von euch her, seit wieder mal ein Lebenszeichen aus dem Süden kam. Das wollen wir aber an den Festtagen nachholen - oops, die sind ja bereits vorbei! Na gut, dann frohe Weihnachten allesamt und einen guten Rutsch!

Nein, so einfach kommt ihr nicht davon, denn nun folgt ein Bericht, wie man hierzulande Weihnachten feiert:

Also das mit Stille Nacht, Heilige Nacht vergesst mal schnell. Auch Schnee gibts hier im Sommer wie im Winter käumlich - abgesehen vom Kunstschnee, der an einigen Plätzen mittels Ventilatoren verteilt wird. Weihnachtsbäume machens hier in der Sonne und auch im Schatten nicht lang, deshalb wachsen diese aus Plastik und werden schon extrem früh - so Ende November in die Stube gestellt und wie bei uns geschmückt. Weit mehr verbreitet als Kerzen sind kleine bunte Elektrolichter, welche manch ein Haus Chevy Chase-mässig in ein Lichtermeer einhüllen. Und Papai Noels (Weihnachtsmänner) allüberall - nicht lebendige, sondern lebensgrosse Puppen, welche die Fassaden raufklettern. 

Die aufwändigsten Dekorationen jedoch findet man in den Shopping Centers. Diese möchten einander an Fantasie und Pomp übertreffen und ein richter Krieg der Dekorationen bricht aus - wer hat die erste, die grösste, die schönste oder die kinderfreundlichste Weihnachtsausstattung? Und das wird natürlich in der TV-Werbung rausposaunt. Macht das Eldorado ein Mittelalterstädtchen bis ins kleinste Detail, baut man im Iguatemi nebenan ein 30-köpfiges Samichlausroboterorchester mit Publikum aus aller Welt auf. Im Morumbi gibts eine riesige Gartenanlage mit Tieren zu besichtigen, was etwas an die Teletubbies erinnert und im West Plaza baut man im Atrium eine richtige Achterbahn auf. Andere Shoppings verwandeln ihre Kauftempel in Disneyland oder Looney Tunes-World. Kitsch? Nicht einmal - es klingt schlimmer, als es in Wahrheit ist, denn die Liebe zum Detail wird gross geschrieben und die Vorbereitung dauert Monate. 

Nun aber zur Feier selber: man versammelt die ganze Sippschaft allgemein spätabends am 24. bei einem Familienmitglied (meist die Grossmutter) und schlemmt bis der Papai Noel kommt (in unserem Fall war es jedoch umgekehrt). Klassischerweise wird Chester aufgetischt - das ist ein übergrosses wahrscheinlich gengepushtes Huhn, das es nur in Brasilien gibt. Da hier alles auf Raten mit Checks gekauft wird, gab es im armen Nordosten dieses Jahr sogar den Weihnachtsbraten zum Abstottern bis Ostern!!!! Die oberen Zehntausend essen mit Vorliebe Bacalhau - Norwegischer Stockfisch (getrockneter Kabeljau) - ein Festschmaus aus Portugall. Bei uns lief es eher so, dass jedes Familienmitglied etwas an Essen oder Dessert mitgebracht hat, so dass die Auswahl etwas weniger eintönig ausfiel. In der ganzen Stadt - ja im ganzen Land wird Weihnachten mit lautem Donnerkrachen und Feuerwerk gefeiert, als ob man Silvester nicht früh genug erwarten könnte. 

Aber nun zu den persönlichen Erlebnissen: Nachdem man sich bei Grossmutters versammelt hatte, warteten v.a. die Kinder auf den Papai Noel. Sie suchen das ganze Haus ab, doch vergebens. Nur 200m weiter die Strasse rauf bei Grossmutter Erna macht sich ein etwas verwirrter und unerfahrener Neuling daran, sich auf Wunsch der Schwiegereltern in einen brasilianischen Weihnachtsmann zu verwandeln. Nach einer Stunde schminken und umziehen war es dann soweit - Ho Ho Ho! Klingelingeling und alles stürmt in die Gartenlaube. 

Das Portugiesisch des weit aus Lappland angereisten Chlauses ist nicht das Beste, so macht er eine kurze Einleitung und gibt das Wort an Schwiegervater Knecht Ruprecht weiter - und das geht so: Aus vielen Säcken wird ein Geschenk gezogen, und er sagt für wen es ist. Das Kind kommt und wird auf Finnisch zurechtgewiesen. Anmerkung: hierzulande kommt der Weihnachtsmann nicht wie in Amerika vom Nordpol ober bei uns aus dem Schwarzwald sondern tatsächlich aus Rovanjemi!! Der Schwiegervater übersetzt das Kauderwelsch (resp. liest, was die Eltern für das Kind niedergeschrieben haben) und das Geschenk wird überreicht. So weit so gut, das kennen wir ja bei uns auch. Hier jedoch findet das Ganze in der Grossfamilie gegen Mitternacht statt und nicht nur die Kinder erhalten Geschenke, sondern v.a. auch die Erwachsenen - so zieht sich die Zeremonie über eine Stunde hin. 

Aber es gibt einen Unterbruch! Stop, Timeout - es ist Mitternacht! Böllerschüsse, Feuerwerk, Umarmungen, Küsse, Gratullationen - was ist jetzt wieder falsch? Ach so: gefeiert wird nicht der Heilig Abend, sondern wieder ganz im Stile von Silvester die erste Minute der effektiven Weihnacht, dem 25.12. Die Stadt ist ein Lichtermeer und die Hund heulen den Böllern entgegen - Weihnachten ist ein Volksfest und wird von den extravertierten und lebensfreudigen Brasilianern auch so behandelt. Okay, die Frommen gehen auch hier zur Mitternachtsmesse (welche in einigen Städten wie Bahia am Nachmittag stattfindet, da sonst die Teilnehmer bei der Kriminalität nicht mehr lebendig nach Hause kommen, traurig aber wahr), aber der Grossteil feiert wie wir, was man auch an den hunderten von parkierten Autos in allen Strässchen sehen kann. Dann ist so gegen ein Uhr der Spuk mit dem Weihnachtsmann vorbei und der Papai Noel macht sich auf den Weg nach Lappland zurück 

Doch das Fest ist noch nicht zu Ende. Glücklicherweise sind die Temperaturen nun etwas angestiegen (die Weihnachtstage haben sich klimamässig leider etwas dem Schweizerischen April angeglichen - was uns eine Grippe bescherte). Jetzt wird wieder geschlemmt - und auch getanzt. Wir machen uns so nach 2 Uhr morgens auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, scheinen wir jedoch die ersten in der Nachbarschaft zu sein, welche nicht mehr feuchtfröhlich weiterfeiern.

Traditionsmässig gibt es übrigens am 25. am Nachmittag noch eine grosse Aufessete - da werden dann alle Reste des Vorabends vertilgt.

Ach so Geschenke: Man kauft sich Praktisches wie T-Shirts oder Hosen, seltener Schmuck oder Parfüm. Der ganz grosse Renner diese Weihnachten allerdings waren Handys - mehr als 6 Millionen Mobiltelefone gingen über den Landentisch und das obwohl Brasilien bereits eine der dichtesten Verbreitungen von Handys weltweit aufweist. Auch Mutter hat eins bekommen (als letzte in der Familie, und wir haben uns eine ASDL-Leitung geleistet - das ging hier 3 Tage und nicht wie in der Schweiz über ein Jahr :-) ) Übrigens wird nun zwischen Weihnacht und Neujahr jedes vierte Geschenk umgetauscht (kein Wunder, da es sich v.a. um Kleider handelt - die dann wegen der letzten Lippo oder zuviel Bodybuilding nicht mehr sitzen :-) ) Trotz enormer Arbeitslosigkeit und Wehklagen der Wirtschaft (welcher es aber in Tat und Wahrheit glänzend geht, wie die letzten Jahreszahlen zeigen - sogar die Fremdinvestitionen kamen aus einem Vorjahresminus von -1.5 heraus auf 7 Mrd. Dollar) wird hier ein Weihnachtsshopping betrieben, was unsere Ladenbesitzer alt aussehen lässt: die Einkaufsmeilen in Bras und 25 de Maio wiesen während Wochen pro Tag eine Million!!! kaufwütige Paulistanos auf!

Doch Weihnachten ist vorbei (nur der 25. ist offiziell ein Feiertag) und man lässt sie hinter sich um Richtung Strand zu düsen. Ähnlich unseren Ostern stauen sich dann die Touristenfahrzeuge über 40km auf der Küstenstrasse - sogar bei solchem Regenwetter wie momentan. Es sind die grossen Schulferien und Silvester ist ja auch schon bald. Auf der Avenida Paulista werden über eine Million Festfreudige und Schaulustige zu einem bombastischen Feuerwerk und Konzert erwartet und an der Copacabana werden dieses Jahr alle Rekorde gebrochen: 2.5 Mio werden das weltweit grösste Feuerwerk bestaunen (30% grösser als letztes Jahr mit Bomben bis zu 60kg). Da kann man nur noch sagen:

Einen guten Rutsch ins 2004!

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Brazilian Report Nr. 7

4.1.04 - 2004!

Feliz ano novo - prosit Neujahr!

Da das letzte (Weihnachts-) Mail etwas lange geraten ist, fasse ich mich diesmal etwas kürzer: Auch beim Silvester gilt hierzulande: same procedure as every year, James! Nicht nur dies, es läuft sogar ähnlich ab wie eine Woche zuvor an Weihnachten, nur dass der Samichlaus mit dem Feuerwerk vertauscht wird :-)

Dann gibts natürlich schon noch ein paar Unterschiede: z.B. wird im Stadtzentrum von SP der Silvesterlauf absolviert (einer der letzten, Zürich war ja schon vor zwei Wochen). Das wird rege am TV mitverfolgt Aber, nossa!! es ist unbeschreiblich - 15'000 starten zusammen an der Avenida Paulista (es sieht mehr nach 50'000 aus, habe ich den Eindruck). Nach den wenigen hundert Profis am Anfang zeigt sich die Masse bunt und ausgelassen. Man sieht welche im Fussballdress, welche den Ball die ganzen 15 km durchs Stadtzentrum kicken. Andere stürzten sich ein ein 20kg! schweres Carnavalkostüm und unzählige rennen mit Fahnen oder Transparenten ihres Teams durch die Häuserschluchen. Es ist imposant und unbeschreiblich. Kaum ist der Lauf vorbei, wird die Paulista zu einem Festgelände mit riesiger Bühne umgebaut. 

In der folgenden Nacht zelebrieren beim Grosskonzert 1.9 Mio Paulistanos (!!! - die zweitgrösste Silvesterfeier der Welt nach Rio wo sich 2.5 Mio Leute an der Copacabanashow labten) nicht nur das neue Jahr, sondern auch den 450sten Geburtstag ihrer Stadt. Die Organisatoren waren besonders stolz darauf, dass durch Sicherheitskontrollen bei einer solchen Masse kein einziger schwerer Vorfall (wie Schlägereien, Vandalismus oder Betrunkene, die einander niederschiessen) zu melden war (von ein paar Drogendelikten und einem Polizisten mit unregistrierter Waffe abgesehen) - das überraschte sogar die Leute hier, wie friedlich das zuging in einer Stadt mit solch einer brasilien- und weltweit schlechten Reputation! 

Okay, jetzt aber zu unserer Feier: man versammelte wieder die ganze Sippschaft bei Grossmutter, wo das ganze Haus auch neu geschmückt worden war und die Feuerwerksboxen bereits installiert worden sind (was für ein plusquamperfekter Satz :-) ). Zu Silvester trägt man prinzipiell nur weisse Kleider (mindestens eine Hose oder ein Shirt muss weiss sein - die Angefressenen kommen vom Schnürsenkel bis zu den Ohrringen in weiss). Weiss reflektiert alle Farben für das neue Jahr - z.B. rosa wie Liebe, grün wie Hoffnung, gelb wie Geld, rot wie Passion, blau wie Frieden etc. 

Dann wird ausgelassen getrunken und gegessen (normalerweise Linsen - ein Symbol von kommendem Wohlstand) und v.a. wieder getanzt (Bild 2). Wird am Strand gefeiert, ist das Prozedere noch viel intensiver (7 Wellen überspringen etc.). Ist alles auf Aberglauben zurückzuführen, aber man merkt davon nicht viel, es wird einfach fröhlich gefeiert.

Mitternacht - alles stürmt aus dem Haus (auch aus den umliegenden Gebäuden), denn nun zeigt sich, ob die Feuerwerksmachinerie, welche am Nachmittag installiert worden war, sich nun auch bewährt.

Und das tat sie auch! Übrigens überall in der Stadt bis zum nächsten Nachmittag nonstop.... Leider nicht ganz harmlos diese Sache, es gibt immer wieder Unfälle. Dieses Jahr zwar nicht, aber Patys neue Bluse wurde von einem Querschläger durchlöchert. Zum Glück blieb alles darunter heil!

Und dann Sekt und Tanz bis frühmorgens, wie man es auch von uns kennt :-)

also dann nochmals Feliz ano novo

die Füreuchwahrscheinlichdiespätestenneujahrsrutscher

PS: wir wurden noch überredet, in einer Sambaschule am nächsten Carnaval in Sambodromo von Sao Paulo mitzuwirken. Mit grossen Kostümen und allem, was man so auch von Rio aus dem TV kennt...

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Brazilian Report Nr. 8

24.2.04 - Carnaval!

Hallo ihr Narren und Fastnächtler im kalten Norden,

Wie bereits versprochen folgt nun ein Abriss (nicht VERriss!!) über den Carnaval in Sao Paulo. Zuerst einmal eine Einführung:

Vergesst sehr viel von den Klischees, welche die Presse in Europa so über den Carnaval hier berichtet: Es werden keine Leute im Gewühl zu Tode getrampelt (ist nicht möglich, wie ihr später seht) oder hunderte umgebracht - abgesehen vom immerwärenden Drogenmafiakrieg, welcher sich an den Festtagen in den Favelas in Rio zuspitzt, um mehr Aufmerksamkeit bei den Politikern zu erlangen - lässt aber die Carnavalisten und Touristen ruhig feiern - die sind ganz woanders. Die praktisch nackten Mulatinnen, welche durch die Strassen tanzen, gehören eindeutig ins Land der Legenden. Es handelt sich dabei nämlich vielmehr um die Vortänzerinnen der Sambaschulen (Rainha - “Gast-Miss”), welche man nur hoch oben auf einem Wagen in der Arena mit dem Feldstecher “begutachten” kann, um in die chauvinistischen Gefilde abzurutschen. Auch wilde Sexorgien in den Strassen, wie manchmal von westlichen Reportern berichtet wird (meist eh Amerikaner, welche bei einem Kuss schon die Zensurplanke schwingen), existieren nicht - ausser in Privatclubs. Ein Wagen in Rio mit dem Thema Kamasutra wurde sogar zensuriert, da der Umzug auch in Amerika übertragen wird… Der Carnaval geht mit strikten Regeln und Weisungen über die Bühne - Kostümfreiheit ist ein Fremdwort, ausser man geht in Clubs oder nimmt am Strassencarnaval in Bahia oder Recife teil. James Bond oder Bud Spencer können sich nicht einfach zwischen den tanzenden Sambaschulen bewegen, das ist ein abgesperrtes Stadion, ähnlich einem Fussballfeld.

Woher die Ursprünge des Carnavals stammen, ist mir nicht 100%ig geläufig, aber einerseits hatten Nizza und Venedig sicher einen starken Einfluss auf die hiesigen Kostüme, geschmückten Wagen und katholischen Hintergrund, andereseits sind die Wurzeln der Musik (Samba, Perkussion) bei den als Sklaven eingeführten Westafrikanern zu suchen. Der Federschmuck ist sicher auf die indianischen Bräuche zurückzuführen.

Und zu guter Letzt: Carnaval ist nicht gleich Carnaval: während sich in Rio (und seit einigen Jahren auch in Sao Paulo) alles um einen (eher kopflastigen) Wettbewerb der Sambaschulen dreht, tanzen die Massen zu wilder Musik durch die Strassen von Recive und Olinda und in Bahia ähnelt der Carnaval mehr der Zürcher Streetparade mit einer Art Lovemobiles, welcher die Massen folgen. Im Süden des Lands ist der brasilianische Fasching nicht so verbreitet, existiert jedoch auch in unterschiedlicher Form und Ausprägung verschiedenenorts. Kurzum ich kenne eh nur Sao Paulo - und Rio von TV-Übertragungen, aber das ist wie gesagt für einen Aussenstehenden Mainz wie Köln - entschuldigung falls ich jetzt als Kuhschweizer den Unterschied nicht bemerke - aber ich kann nicht schreiben: Basel wie Luzern, denn da kenne ich die Differenzen - aber für die Auswärtigen soll auch dieser Vergleich gelten :-). Also dann in medias res:

- Lokalität: Der Carnaval-Wettbewerb in Sao Paulo (und Rio, das werde ich in Zukunft nicht mehr erwähnen, denn für die Angefressenen zählt eh nur dieser Anlass, SP ist blosser Abklatsch, hat sich aber in den letzten Jahren etabliert und sich dem Niveau von Rio beinahe angeglichen) findet im sog. Sambodromo statt, einer Arena mit den Ausmassen eines Fussballstadions. Es handelt sich eigentlich um eine Strasse, welche über dreihundert Meter oder so von Tribünen gesäumt wird und vorwiegend diesem einen Anlass im Februar gewidmet ist.

- Teilnehmer: zwei mal 8 Samba-Schulen defilieren in zwei Nächten während je einer Stunde durch den Sambodromo. Das sind die “Especial”, die erste Liga. In einer Zusatznacht findet das Ganze für die Liga B, die “Acesso” statt. Aber aufgepasst, man kann auf- und absteigen, je nach Punktezahl! Fussball im Federbikini sozusagen.

- Samba-Schule: Ein sehr strikt organisierter Verein von mehreren Tausend Mitgliedern. Einige gründen in den 30er Jahren, andere wurden erst in den letzten Jahrzehnten ins Leben gerufen. Sie entwerfen Kostüme, wählen die Komponisten und Sänger für den Samba aus ihren Reihen, engagieren Choreographen für den Umzug und lehren die Tambouren und Vortänzerinnen ihr Handwerk. Also eine Art riesige Fasnachtsclique. Jede Schule hat ihren festen Sitz in der Stadt - riesige Hallen, wo das Training für den Wettbewerb das ganze Jahr hindurch stattfindet.

- Umzug: Nun gilts ernst - jede Schule hat genau 65 Minuten (in SP, Rio: 75’) Zeit, ihre 2500-3500 Tänzerinnen und Tänzer, unterteilt in 20-30 “Alas” (thematische Gruppen, in Rio bis zu 4500 Personen in 40 Alas), sowie ihre 5-8 Wagen durch den Sambodromo zu führen. Jede Minute mehr führt zu Punkteabzug bei der späteren Benotung. Das Ganze läuft für alle Schule etwa gleich ab: Zuvorderst tanzt die Comissão de frente theatralisch im Jazztanzstil das Thema der Schule vor - künstlerisch sicher der Höhepunkt des Umzuges und wird deshalb auch hart gewertet. Dahinter kommt dann der erste Wagen. Denkt gross - denkt grösser!!! Von den Dimensionen dieser Monstren auf Rädern, welche von einer Hundertschaft von innen geschoben wird (kein Motor, der verursacht Lärm und Abgase!), kann man sich nicht mal im Fernsehen eine Vorstellung machen. Das haut einem um, wenn man so ein Ding von Nahem sieht, die Dimensionen gleichen einem Haus - nein, nicht einem Einfamilienhaus, einem 4-stöckigen Wohnblock, 15m lang, 10m breit und 12m hoch ist so etwa der Durchschnitt. Und der Fantasie sind (abgesehen von der thematischen Integration, den Allegorismen) keine Grenzen gesetzt: Go-Kart-Rennstrecken, U-Bahn, überdimensionale Tierfiguren und natürlich dutzende von Tänzerinnen und Tänzern. Solche Ungetüme gibt es wie gesagt etwa 5-8 an verschiedenen Positionen zwischen den Alas. Diese widerspiegeln das Thema der Schule und somit des Sambas. Relativ weit vorne ist auch die Bateria zu finden, die Trommler. Diese Dreihundertschaft oder so schert in der Mitte des Stadions aus und begleitet den Rest des Umzuges in einer Nische, fröhlich weitertrommelnd versteht sich. Gegen Schluss heisst es dann wieder: Einreihen. Von den Alas ist nur eine besonders erwähnenswert: die Baianas, welche alle Schulen beinhalten. Es sind die Frauen in diesen riesigen farbigen Reifenröcken, welche sich bis zum Umfallen (tatsächlich auch passiert) um sich selbst drehen - medienwirksam und deshalb auch in Europa aus dem Fernsehen bekannt. Das zweite berühmte Element sind die Mestre-Sala e Porta-Bandeira: Frau mit Reifenrock und Fahne und Mann dem Drehwurm huldigend. Dieses Intermezzo findet etwa 3 Mal zwischen den Alsas statt.

- Thema: Achtung! Jede Schule hat sich an Folgendes zu halten: Das diesjährige Hauptthema hiess natürlich “450 Jahre São Paulo”. Das muss sowohl im Text des Sambas, sowie im Konzept der Alas und Wagen verankert sein.

- Samba: das ist die Musik, welche einerseits das Hauptthema des Wettbewerbs (siehe oben) als auch das spezifische Thema der Schule wiederspiegeln muss. Z.B. Kulinarisches, Immigranten, Stadtgeschichte - jede Schule hat ihr eigenes Unterthema, welches sich nach dem Hauptthema richtet. Für Laien wie mich, ist die Musik an und für sich nicht nur wildes Getrommel, unmelodiös und eintönig (man stelle sich vor: eine Stunde dasselbe “Lied” 12 mal! - vier Sänger müssen sich abwechseln, um nicht die Stimme zu verlieren), sondern auch die Unterschiede der Harmonien und Melodieführungen der verschiedenen Stücke ist sogar für Einheimische schwer nachvollziebar. Denkt mehr an Street Parade als Bossa Nova.

- Benotung: last but not least ist das Wichtigste für die Schule, das Prestige. Drei Tage nach dem Umzug wird benotet: dutzende von Richtern bewerten mit 10 oder weniger Punkten (männliche Jurymitglider sind langweilig und ängstlich und bleiben meist bei allem bei 10, während Frauen mutiger auch mal eine 7 oder 8 abgeben) Folgendes: Originalität und Thema-Adaption des Samba (und damit der Alas und Wagen, welche dessen Text verkörpern), Originalität der Comissão de frente, der Wagen und der Fantasias (Kostüme), Evoluçao (also gab es Lücken und Zeitverzögerungen im Ablauf), versteht die Bateria ihr Handwerk, hat sich die Fahne der Porta-Bandeira nicht verhäddert und haben alle Teilnehmer mitgesungen und -getanzt? Also da geht es hart auf hart wie es bald für die Athleten in Athen der Fall sein wird.

Also, alle Träume und Vorstellungen des wilden Samba-Carnavals von Brasilien sind nun zerstört, wie ich annehme? - Sehr gut, denn jetzt kommt, wie wir das Ganze persönlich erlebt haben:

11.2.04: Wir (Paty, ihr Bruder Rodrigo, ihr Vater und ich) wurden wie in einem früheren Bericht erwähnt von einem Onkel angefragt, ob wir nicht Lust hätten, durch den Sambodromo zu tanzen. Niemand von uns hatte je Erfahrungen in dieser Richtung gesammelt - Paty sah mal den Carnavalsumzug in Rio, aber das is alles. Also, nach wochenlangem Zögern gabs von allen ein scheues “okay” und die Fantasias wurden bestellt.

18.2.04: Ach da kam der erste Schock - die Kostüme kosteten nur 40 Reais und waren den Stoff kaum wert. Nix gewesen mit Bikini, Federkleid oder Baianareifenrock :-( Die “richtigen” Kostüme können bis über 500 Reais kosten (was uns aber auch nicht so bewusst war). Es tauchte in einem Internetforum kürzlich die Frage auf: wer hat denn soviel Geld, all die Kostüme zu fabrizieren? Die Antwort ist einfach: die teureren Fantasias werden zuerst von den Mitgliedern der Sambaschule gemietet und dann an andere Städte im Landesinnern verkauft, wo sie in einem Jahr zum Einsatz kommen. Das Geld kommt also schnell wieder rein.

13.2.04 (ein Freitag): Eine Woche vor der grossen Nacht besuchten wir dann die Schule, welche sich im Stadtteil Pompeia unter einer Brücke befindet (eine riesige Halle wurde da druntergebaut) und den stolzen Namen “Aguia de Ouro”, auf Deutsch “Goldener Adler” trägt (http://www.aguiadeouro.com.br/). Da sahen wir dann die Bateria zum ersten Mal live - und das haut einem um - eine solche Professionalität der Trommler gemischt mit Showeinlagen der Extraklasse kann man in Europa wohl lange suchen. Ebenfalls zum ersten Mal konnten wir die “richtigen” Fantasias begutachten. Die sind von weitem wunderschön, von nahem, sieht man, dass wörtlich nicht alles Gold ist, was glänzt, und v.a. Gott sei Dank sind wir leicht bekleidet. So ein Ding kann ruhig über 20kg wiegen. Den Comfort-Index bei der Wärme und Luftfeuchigkeit hier mitgerechnet, kann ich nur wiederholen: Gaças a Deus, stecken wir nicht da drin! Dann hiess es für uns um Mitternacht (hier fängt gar nichts vor 23:00 an und Kind und Kegel feiern bei allem was es zu feiern gibt bis in die Morgenstunden durch): Text und Bewegungen lernen und zum Samba des Umzuges tanzen, eine halbe Stunde “…que felicidade, minha Pompeia vai te enlouquecer…”, eine Stunde: dasselbe Lied, anderthalb Stunden - kann den Mist nicht mehr hören - zwei Stunden: allesamt Flucht ins Auto und heim ins Bett wo einem das @#%#¨ Stück noch im Traum nachläuft wie die Piccolos nach einem Besuch des Morgenstraichs.

20.2.04 - der grosse Tag bricht an - am Nachmittag, denn gut ausgeschlafen muss man sein! Unsere Schule mit 3500 Anhängern, 21 Alas und fünf Wagen kommt als vierte um 2 Uhr früh zum Einsatz. Das Thema ist “Die Fernsehmoderatorin Ana Maria Braga (natürlich in Persona auf dem letzten Wagen) zählt 450 Jahre kulinarisches Sao Paulo”. Der Samba, die Wagen und die Alas sind deshalb Themen gewidmet wie dem fischenden und jagenden Indianer, dem Einfluss der Skalven und der Portugiesen auf die Brasilianische Küche und der heutigen Stellung Sao Paulos als Welthauptstadt der underschiedlichsten Kochkulturen. Doch vorher müssen wir uns in Geduld üben, es ist erst 22:00: Wagen in der Pompeia parkiert und dann gehts auf zum Bierstand, man übt nochmals den Song (…é na batida de tambor que o negro faz a festa… muss man sich jetzt drehen, oder die Arme hochwerfen?) und sucht den Bus, der einem zum Sambodromo fahren soll.

Nicht einfach - die Schule hat etwa 50 Busse organisiert, welche sich schön säuberlich in einem Glied einem Tazelwurm ähnlich über der Brücke aneinander reihen. Doch einen mit der Aufschrift “Ala 8” (wir, die armen Skaven - eigentlich ist diese Ala für Favela-Leute reserviert, wir konnten nur mitmachen mit Vitamin B), suchen wir vergebens. Nach einer Stunde meldet sich bei einigen die Bierblase und es heisst zurück zur Toilette. Nicht nur, dass wir unseren Bus nicht finden, auch der Onkel und der Rest der Sippschaft sind noch nicht eingetrudelt. Einige Busse starten den Motor, wir in den 5. Gang um von der entfernten Toilette nicht noch den Bus zu verpassen - und siehe da, die ganze Familie findet sich vereint im 3. Bus (da der Bus unserer Ala dirkt aus der Favela zum Sambodromo fuhr - und wir, halt nur Skaven - wurden wir aufgesplittet). Wer jetzt aber denkt, es ging los, hat sich verrechnet. Eine halbe Stunde vergeht, bevor sich das Gefährt in Gang setzt und eine weitere Stunde, bis der Sambodromo erreicht ist. Dieser befindet sich zwar nur 10 Autominuten von der Pompeia entfernt, aber wir müssen in den bis zum letzten Quadratzentimeter gefüllten Bus ausharren, bis der Parkplatz für unsere Schule frei wird. Es geht laut zu in der Sardinenbüchse, es wird gesungen, das ganze Interior des Wagens als Schlagzeug misbraucht und Bier verteilt, welches den zahlreichen Strassenhändlern durch ein offenes Fenster (zum Glück kein Klimaanlagebus!!) abgekauft wird. Es ist heiss, es ist stickig, es nimmt kein Ende, es erinnert an Militärtransporte und Fussballfanclubs - und es ist genial!

21.2.04 - Happy Birthday Dido, aber den Geburtstag haben wir leider vergessen für die nächsten Stunden, denn es wird hektisch! Paty und ich haben uns bei der Buswarterei in ein anderes, nicht so überfülltes Gefährt abgesetzt, sind angekommen, müssen der Bierblase huldigen und finden in dem Getümel von tausenden und abertausenden von kostümierten Paulistanos weder unsere Familie, noch weitere Angehörige unserer Ala: “Hat jemand von euch noch andere mit diesem Kostüm gesehen?” - “Welche Schule? Nein, die ist noch nicht dran” - “Ja, ganz weit vor, beeilt euch!” - “Doch, da ganz weit hinten, ihr habt noch Zeit!” Versucht euch das Ganze etwas bildlich darzustellen, oder besser nicht, der Parkplatz und die Messeanlage, auf der sich dies abspielte hat die Ausmasse von 5 Fussballfeldern. Nach einer halben Stunde haben wir, schon halb den Mut verlierend, etwas erspäht: Blaue Hosen, blaue Kappe, Zähne um den Hals - das sind wir! Die gehören zu uns!! Stimmt schon, mit dem Wehrmutstropfen, dass auch diese sich in der farbenfrohen Masse verirrt haben… Schliesslich ist unser Fähnchen der verlorenen Sklaven auf 10 angewachsen und - oh Wunder hat sich sogar nach einer weiteren Viertelstunde mit der grossen blauen Masse vereinigt! Jetzt gehts los! Ooops, war wohl doch nichts - der Sergant Major Organisator der Schule kommt vorbei und meint, unsere Ala müsse weiter nach hinten. 5 Minuten später: nein, doch vor die Baianas - nein, hinter die Araber…. In wenigen Minuten sind wir dran und weit davon entfernt, die Tausendschaften organisiert zu haben?? Nein, es geht vorwärts - tanzend, singend, sich bemalend und die Kostüme kontrollierend setzt sich die Riesenmasse in Bewegung. Trotzdem: vom Parkplatz zum Sambodromo liegt ein weiterer Kilometer des Weges vor uns, aber zum Glück ist der ganze Wettbewerb eine halbe Stunde verspätet, da die erste Schule mit ihren Wagen Probleme hatte. Die riesigen Umzugswagen links und rechts liegen lassend stehen wir da, harren aus im grellen Flutlicht und dem Getobe von vierzigtausenden auf den Rängen von vorn. Es geht los…

2:30 - ES GEHT LOS!!!!!!! Der Text sitzt, das Kostüm auch, alles ist in Bewegung, die Trommler geben ihr Bestes, die ersten Alas und Wagen haben bereits die ersten zehntausend Zuschauer passiert, jetzt kommen wir - WIR KOMMEN! Das ist das Gefühl, das die Fussballelf beim ersten Tor erfahren muss, das ist Los des Sängers, der die Massen versucht zu kaufen, das sind die Warhol’schen 15 Minuten, DAS IST DER CARNAVAL! UND WIR MITTENDRIN. Wir sind nicht da, um eine Show zu sehen - WIR SIND DIE SHOW! Niemand von uns mag Samba wirklich, niemand ist ein Carnavalist und hätte sich je dafür interessiert, aber das! Dieses Feeling, ja das ist unersetzlich! Kameras, TV-Teams (siehe: http://carnaval2004.globo.com/), Blitzlichthagel - nur das Publikum scheint etwas zurückhaltend zu sein - kein Wunder, die meisten von ihnen kamen für die Gaviões vom Corinthians Fussballclub (den hiesigen Grasshoppers), der Stammschule und Favoriten der Nacht. Welche Enttäuschung mussten sie erfahren, als gerade der letzte Wagen dieser Schule zwei Stunden später unkontrollierbar vom Weg abkam, eine Uhr niederriss, fünf Leute dabei verletzte, das Ausgangstor zerstörte und deshalb der ganze Tross so verspätet das Stadion verlassen musste, dass dies nicht nur in 8 Minuspunkten endete, sondern sogar mit der Degradation in die zweite Liga, da diese Minuspunkte auch bei sonst guter Wertung nicht mehr einzuholen waren. Viel Schadenfreude bei einigen Schulen, sind doch die Champions (Sieger 2002 und 2003) als Mafiosi und arrogant verschrien - was sie auch im Vorfeld des Carnavals bewiesen. Aber zurück zu uns: Das Defilee ist absolviert, wir sind am andern Ende des Stadions angelangt und wie es sich auch bei einem Fussballspiel gehört, wird über Chancen, Fehler und Pluspunkte diskutiert. Die Fahrt heim ging so schnell, wie dieser lange Bericht abrupt endet, so dass wir im Fernsehen noch die anderen Schulen sehen konnten (und v.a. unser gesamter Umzug auf Video). An Schlaf ist an diesen Tagen eh nicht zu denken, denn auch hier in Osasco geht es laut zu am Carnaval - bis 7 Uhr Morgens, und Raja braucht ja eh ihre Medizin, so wie jetzt auch, deshalb hat auch der längste Bericht mal ein

ENDE

PS: gewonnen haben wir nicht, nur achte wurden wir, aber wir freuen uns auf nächstes Jahr… da werden wir sicher auch ein etwas ausgefalleneres Kostüm tragen :-)

Inhaltsverzeichnis

Part 1 - English

Zusatz Carnaval: 29.2.04 - Fotos

Falls ihr den letzten Bericht wirklich gelesen haben solltet - oder auch nicht - hier noch ein paar Zusätze: Wir, das heisst, unsere Schule Aguia de Ouro wurde 8te der Gruppe Espcial. Die acht besten dieser ersten Liga und die zwei besten der zweiten Liga machten noch einmal einen Rudgang durch den Sambodromo - das heisst, wir durften am letzten Freitag um 22:30 wieder antanzen (wörtlich, was denkt ihr denn)… Nein, nein, jetzt kommt nicht nochmal ein Monsteraufsatz mit überflüssigen Details und emotionsgeladenen Ausschweifungen. Ein Bild sagt schliesslich mehr, als tausend imaginationsschwangere Worte, also los gehts - mit ein paar kurzen(!) Erläuterungen, das habe ich mir dann doch erlaubt:

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Halle: Schwer zu glauben, dass man sich direkt unter einer Autobahnbrücke befindet - aber das ist nun tatsächlich der Übungsraum der Aguias de Ouro (kann man im Hintergrund schwach noch an der Wandmalerei erkennen).


Busse: genau 10m über letztem Helgen ist dieses Foto aufgenommen. Das geschärfte Auge erfasst dank computerunterstützter Aufhellung rechts der fröhlich wartenden Plantagensklaven (inkl. Ben-Hur-iger Armbanduhr) die Perlenkette der wartenden Busse, welche uns zum Sambodromo fahren werden - diesmal etwas rassiger als das letzte Mal…

Paty: frisch gezöpfelt (eigenhändig durch den Sklavengatten) in ganz ganz toller Sambaaufmachung. Wie elend und unwichtig wir uns in dieser farbenfrohen tanzenden Masse vorkamen, kann man sich erst ins Bild setzen (was für eine unsinnige figürliche Doppeldeutigkeit schwingt in diesem Worte mit), wenn man folgende “Fantasias” gesehen hat.

Fantasias 1-3, sowie Baiana: genau das meinte ich vorher! Andere Alas derselben Sambaschulen reihen sich ein zum zweiten grossen Defilée.


Wagen: nicht mal die impressivste, professionellste und bestaufgenommene Fotografie kann die Grösse, Schönheit und Üppigkeit der Carnavalswagen festhalten - wie soll es denn ein Amateur wie ich mit einer falsch eingestellten Digitalkamera schaffen??!!! 

Start: es ist leider (und auch völlig zu Recht, es handelt sich ja um einen Wettbewerb - auch dieses Mal) nicht erlaubt, während des Defilierens von innerhalb der Schule Fotos zu machen, deshalb nur eins, wie wir uns mit einem Wagen einreihen - in fünf Minuten stehen wir zwischen den Flutlichtern weiter vorn - und dann gehts wieder los wie vor einer Woche, nur mit dem Unterschied der Witterungsverhältnisse - noch 30 Minuten bis zum grossen Regen, aber der konnte unseren wilden Samba auch nicht brechen!