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Brazilian Report Nr. 6
27.12.03 - Stille Nacht, Heilige Nacht? - Na
und?!
lang lang ist's für einige von euch her, seit wieder mal ein Lebenszeichen aus dem Süden kam. Das wollen wir aber an den Festtagen nachholen - oops, die sind ja bereits vorbei! Na gut, dann frohe Weihnachten allesamt und einen guten Rutsch!
Nein, so einfach kommt ihr nicht davon, denn nun folgt ein Bericht, wie man hierzulande Weihnachten feiert:
Also das mit Stille Nacht, Heilige Nacht vergesst mal schnell. Auch Schnee gibts hier im Sommer wie im Winter käumlich - abgesehen vom Kunstschnee, der an einigen Plätzen mittels Ventilatoren verteilt wird. Weihnachtsbäume machens hier in der Sonne und auch im Schatten nicht lang, deshalb wachsen diese aus Plastik und werden schon extrem früh - so Ende November in die Stube gestellt und wie bei uns geschmückt. Weit mehr verbreitet als Kerzen sind kleine bunte Elektrolichter, welche manch ein Haus Chevy Chase-mässig in ein Lichtermeer einhüllen. Und Papai Noels
(Weihnachtsmänner) allüberall - nicht lebendige, sondern lebensgrosse Puppen, welche die Fassaden raufklettern.
Die aufwändigsten Dekorationen jedoch findet man in den Shopping Centers. Diese möchten einander an Fantasie und Pomp übertreffen und ein richter Krieg der Dekorationen bricht aus - wer hat die erste, die grösste, die schönste oder die kinderfreundlichste Weihnachtsausstattung? Und das wird natürlich in der TV-Werbung rausposaunt. Macht das Eldorado ein Mittelalterstädtchen bis ins kleinste Detail, baut man im Iguatemi nebenan ein
30-köpfiges Samichlausroboterorchester mit Publikum aus aller Welt auf. Im Morumbi gibts eine riesige Gartenanlage mit Tieren zu besichtigen, was etwas an die Teletubbies erinnert und im West Plaza baut man im Atrium eine richtige Achterbahn auf. Andere Shoppings verwandeln ihre Kauftempel in Disneyland oder Looney Tunes-World. Kitsch? Nicht einmal - es klingt schlimmer, als es in Wahrheit ist, denn die Liebe zum Detail wird gross geschrieben und die Vorbereitung dauert Monate.
Nun aber zur Feier selber: man versammelt die ganze Sippschaft allgemein spätabends am 24. bei einem Familienmitglied (meist die Grossmutter) und schlemmt bis der Papai Noel kommt (in unserem Fall war es jedoch umgekehrt). Klassischerweise wird Chester aufgetischt - das ist ein übergrosses wahrscheinlich gengepushtes Huhn, das es nur in Brasilien gibt. Da hier alles auf Raten mit Checks gekauft wird, gab es im armen Nordosten dieses Jahr sogar den Weihnachtsbraten zum Abstottern bis Ostern!!!! Die oberen Zehntausend essen mit Vorliebe Bacalhau - Norwegischer Stockfisch (getrockneter Kabeljau) - ein Festschmaus aus Portugall. Bei uns lief es eher so, dass jedes Familienmitglied etwas an Essen oder Dessert mitgebracht hat, so dass die Auswahl etwas weniger eintönig ausfiel. In der ganzen Stadt - ja im ganzen Land wird Weihnachten mit lautem Donnerkrachen und Feuerwerk gefeiert, als ob man Silvester nicht früh genug erwarten könnte.
Aber nun zu den persönlichen Erlebnissen: Nachdem man sich bei Grossmutters versammelt hatte, warteten v.a. die Kinder auf den Papai Noel. Sie suchen das ganze Haus ab, doch
vergebens. Nur 200m weiter die Strasse rauf bei Grossmutter Erna macht sich ein etwas verwirrter und unerfahrener Neuling
daran, sich auf Wunsch der Schwiegereltern in einen brasilianischen Weihnachtsmann zu
verwandeln. Nach einer Stunde schminken und umziehen war es dann soweit - Ho Ho
Ho! Klingelingeling und alles stürmt in die Gartenlaube.
Das Portugiesisch des weit aus Lappland angereisten Chlauses ist nicht das Beste, so macht er eine kurze Einleitung und gibt das Wort an Schwiegervater Knecht Ruprecht weiter - und das geht
so: Aus vielen Säcken wird ein Geschenk gezogen, und er sagt für wen es
ist. Das Kind kommt und wird auf Finnisch zurechtgewiesen.
Anmerkung: hierzulande kommt der Weihnachtsmann nicht wie in Amerika vom Nordpol ober bei uns aus dem Schwarzwald sondern tatsächlich aus
Rovanjemi!! Der Schwiegervater übersetzt das Kauderwelsch (resp.
liest, was die Eltern für das Kind niedergeschrieben haben) und das Geschenk wird
überreicht. So weit so gut, das kennen wir ja bei uns auch. Hier jedoch findet das Ganze in der Grossfamilie gegen Mitternacht statt und nicht nur die Kinder erhalten
Geschenke, sondern v.a. auch die Erwachsenen - so zieht sich die Zeremonie über eine Stunde
hin.
Aber es gibt einen Unterbruch! Stop, Timeout - es ist Mitternacht! Böllerschüsse,
Feuerwerk, Umarmungen, Küsse, Gratullationen - was ist jetzt wieder falsch? Ach so: gefeiert wird nicht der Heilig Abend, sondern wieder ganz im Stile von Silvester die erste Minute der effektiven Weihnacht, dem 25.12. Die Stadt ist ein Lichtermeer und die Hund heulen den Böllern entgegen - Weihnachten ist ein Volksfest und wird von den extravertierten und lebensfreudigen Brasilianern auch so behandelt. Okay, die Frommen gehen auch hier zur Mitternachtsmesse (welche in einigen Städten wie Bahia am Nachmittag stattfindet, da sonst die Teilnehmer bei der Kriminalität nicht mehr lebendig nach Hause kommen, traurig aber wahr), aber der Grossteil feiert wie wir, was man auch an den hunderten von parkierten Autos in allen Strässchen sehen kann. Dann ist so gegen ein Uhr der Spuk mit dem Weihnachtsmann vorbei und der Papai Noel macht sich auf den Weg nach Lappland zurück
Doch das Fest ist noch nicht zu Ende. Glücklicherweise sind die Temperaturen nun etwas angestiegen (die Weihnachtstage haben sich klimamässig leider etwas dem Schweizerischen April angeglichen - was uns eine Grippe bescherte). Jetzt wird wieder geschlemmt - und auch
getanzt. Wir machen uns so nach 2 Uhr morgens auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, scheinen wir jedoch die ersten in der Nachbarschaft zu sein, welche nicht mehr feuchtfröhlich weiterfeiern.
Traditionsmässig gibt es übrigens am 25. am Nachmittag noch eine grosse Aufessete - da werden dann alle Reste des Vorabends vertilgt.
Ach so Geschenke: Man kauft sich Praktisches wie T-Shirts oder Hosen, seltener Schmuck oder Parfüm. Der ganz grosse Renner diese Weihnachten allerdings waren Handys - mehr als 6 Millionen Mobiltelefone gingen über den Landentisch und das obwohl Brasilien bereits eine der dichtesten Verbreitungen von Handys weltweit aufweist. Auch Mutter hat eins bekommen (als letzte in der Familie, und wir haben uns eine ASDL-Leitung geleistet - das ging hier 3 Tage und nicht wie in der Schweiz über ein Jahr :-) ) Übrigens wird nun zwischen Weihnacht und Neujahr jedes vierte Geschenk umgetauscht (kein Wunder, da es sich v.a. um Kleider handelt - die dann wegen der letzten Lippo oder zuviel Bodybuilding nicht mehr sitzen :-) ) Trotz enormer Arbeitslosigkeit und Wehklagen der Wirtschaft (welcher es aber in Tat und Wahrheit glänzend geht, wie die letzten Jahreszahlen zeigen - sogar die Fremdinvestitionen kamen aus einem Vorjahresminus von -1.5 heraus auf 7 Mrd. Dollar) wird hier ein Weihnachtsshopping betrieben, was unsere Ladenbesitzer alt aussehen lässt: die Einkaufsmeilen in Bras und 25 de Maio wiesen während Wochen pro Tag eine Million!!! kaufwütige Paulistanos auf!
Doch Weihnachten ist vorbei (nur der 25. ist offiziell ein Feiertag) und man lässt sie hinter sich um Richtung Strand zu düsen. Ähnlich unseren Ostern stauen sich dann die Touristenfahrzeuge über 40km auf der Küstenstrasse - sogar bei solchem Regenwetter wie momentan. Es sind die grossen Schulferien und Silvester ist ja auch schon bald. Auf der Avenida Paulista werden über eine Million Festfreudige und Schaulustige zu einem bombastischen Feuerwerk und Konzert erwartet und an der Copacabana werden dieses Jahr alle Rekorde gebrochen: 2.5 Mio werden das weltweit grösste Feuerwerk bestaunen (30% grösser als letztes Jahr mit Bomben bis zu 60kg). Da kann man nur noch sagen:
Einen guten Rutsch ins 2004!
Inhaltsverzeichnis
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Brazilian Report Nr. 8
24.2.04 - Carnaval!
Hallo ihr Narren und Fastnächtler im
kalten Norden,
Wie bereits versprochen folgt nun ein
Abriss (nicht VERriss!!) über den Carnaval in Sao Paulo. Zuerst einmal
eine Einführung:
Vergesst sehr viel von den Klischees,
welche die Presse in Europa so über den Carnaval hier berichtet: Es
werden keine Leute im Gewühl zu Tode getrampelt (ist nicht möglich,
wie ihr später seht) oder hunderte umgebracht - abgesehen vom
immerwärenden Drogenmafiakrieg, welcher sich an den Festtagen in den
Favelas in Rio zuspitzt, um mehr Aufmerksamkeit bei den Politikern zu
erlangen - lässt aber die Carnavalisten und Touristen ruhig feiern -
die sind ganz woanders. Die praktisch nackten Mulatinnen, welche durch
die Strassen tanzen, gehören eindeutig ins Land der Legenden. Es
handelt sich dabei nämlich vielmehr um die Vortänzerinnen der
Sambaschulen (Rainha - “Gast-Miss”), welche man nur hoch oben auf
einem Wagen in der Arena mit dem Feldstecher “begutachten” kann, um
in die chauvinistischen Gefilde abzurutschen. Auch wilde Sexorgien in
den Strassen, wie manchmal von westlichen Reportern berichtet wird (meist
eh Amerikaner, welche bei einem Kuss schon die Zensurplanke schwingen),
existieren nicht - ausser in Privatclubs. Ein Wagen in Rio mit dem Thema
Kamasutra wurde sogar zensuriert, da der Umzug auch in Amerika
übertragen wird… Der Carnaval geht mit strikten Regeln und Weisungen
über die Bühne - Kostümfreiheit ist ein Fremdwort, ausser man geht in
Clubs oder nimmt am Strassencarnaval in Bahia oder Recife teil. James
Bond oder Bud Spencer können sich nicht einfach zwischen den tanzenden
Sambaschulen bewegen, das ist ein abgesperrtes Stadion, ähnlich einem
Fussballfeld.
Woher die Ursprünge des Carnavals
stammen, ist mir nicht 100%ig geläufig, aber einerseits hatten Nizza
und Venedig sicher einen starken Einfluss auf die hiesigen Kostüme,
geschmückten Wagen und katholischen Hintergrund, andereseits sind die
Wurzeln der Musik (Samba, Perkussion) bei den als Sklaven eingeführten
Westafrikanern zu suchen. Der Federschmuck ist sicher auf die
indianischen Bräuche zurückzuführen.
Und zu guter Letzt: Carnaval ist nicht
gleich Carnaval: während sich in Rio (und seit einigen Jahren auch in
Sao Paulo) alles um einen (eher kopflastigen) Wettbewerb der
Sambaschulen dreht, tanzen die Massen zu wilder Musik durch die Strassen
von Recive und Olinda und in Bahia ähnelt der Carnaval mehr der
Zürcher Streetparade mit einer Art Lovemobiles, welcher die Massen
folgen. Im Süden des Lands ist der brasilianische Fasching nicht so
verbreitet, existiert jedoch auch in unterschiedlicher Form und
Ausprägung verschiedenenorts. Kurzum ich kenne eh nur Sao Paulo - und
Rio von TV-Übertragungen, aber das ist wie gesagt für einen
Aussenstehenden Mainz wie Köln - entschuldigung falls ich jetzt als
Kuhschweizer den Unterschied nicht bemerke - aber ich kann nicht
schreiben: Basel wie Luzern, denn da kenne ich die Differenzen - aber
für die Auswärtigen soll auch dieser Vergleich gelten :-). Also dann
in medias res:
- Lokalität: Der Carnaval-Wettbewerb
in Sao Paulo (und Rio, das werde ich in Zukunft nicht mehr erwähnen,
denn für die Angefressenen zählt eh nur dieser Anlass, SP ist
blosser Abklatsch, hat sich aber in den letzten Jahren etabliert und
sich dem Niveau von Rio beinahe angeglichen) findet im sog. Sambodromo
statt, einer Arena mit den Ausmassen eines Fussballstadions. Es
handelt sich eigentlich um eine Strasse, welche über dreihundert
Meter oder so von Tribünen gesäumt wird und vorwiegend diesem einen
Anlass im Februar gewidmet ist.
- Teilnehmer: zwei mal 8 Samba-Schulen
defilieren in zwei Nächten während je einer Stunde durch den
Sambodromo. Das sind die “Especial”, die erste Liga. In einer
Zusatznacht findet das Ganze für die Liga B, die “Acesso” statt.
Aber aufgepasst, man kann auf- und absteigen, je nach Punktezahl!
Fussball im Federbikini sozusagen.
- Samba-Schule: Ein sehr strikt
organisierter Verein von mehreren Tausend Mitgliedern. Einige gründen
in den 30er Jahren, andere wurden erst in den letzten Jahrzehnten ins
Leben gerufen. Sie entwerfen Kostüme, wählen die Komponisten und
Sänger für den Samba aus ihren Reihen, engagieren Choreographen für
den Umzug und lehren die Tambouren und Vortänzerinnen ihr Handwerk.
Also eine Art riesige Fasnachtsclique. Jede Schule hat ihren festen
Sitz in der Stadt - riesige Hallen, wo das Training für den
Wettbewerb das ganze Jahr hindurch stattfindet.
- Umzug: Nun gilts ernst - jede Schule
hat genau 65 Minuten (in SP, Rio: 75’) Zeit, ihre 2500-3500
Tänzerinnen und Tänzer, unterteilt in 20-30 “Alas” (thematische
Gruppen, in Rio bis zu 4500 Personen in 40 Alas), sowie ihre 5-8 Wagen
durch den Sambodromo zu führen. Jede Minute mehr führt zu
Punkteabzug bei der späteren Benotung. Das Ganze läuft für alle
Schule etwa gleich ab: Zuvorderst tanzt die Comissão de frente
theatralisch im Jazztanzstil das Thema der Schule vor - künstlerisch
sicher der Höhepunkt des Umzuges und wird deshalb auch hart gewertet.
Dahinter kommt dann der erste Wagen. Denkt gross - denkt grösser!!!
Von den Dimensionen dieser Monstren auf Rädern, welche von einer
Hundertschaft von innen geschoben wird (kein Motor, der verursacht
Lärm und Abgase!), kann man sich nicht mal im Fernsehen eine
Vorstellung machen. Das haut einem um, wenn man so ein Ding von Nahem
sieht, die Dimensionen gleichen einem Haus - nein, nicht einem
Einfamilienhaus, einem 4-stöckigen Wohnblock, 15m lang, 10m breit und
12m hoch ist so etwa der Durchschnitt. Und der Fantasie sind (abgesehen
von der thematischen Integration, den Allegorismen) keine Grenzen
gesetzt: Go-Kart-Rennstrecken, U-Bahn, überdimensionale Tierfiguren
und natürlich dutzende von Tänzerinnen und Tänzern. Solche
Ungetüme gibt es wie gesagt etwa 5-8 an verschiedenen Positionen
zwischen den Alas. Diese widerspiegeln das Thema der Schule und somit
des Sambas. Relativ weit vorne ist auch die Bateria zu finden, die
Trommler. Diese Dreihundertschaft oder so schert in der Mitte des
Stadions aus und begleitet den Rest des Umzuges in einer Nische,
fröhlich weitertrommelnd versteht sich. Gegen Schluss heisst es dann
wieder: Einreihen. Von den Alas ist nur eine besonders erwähnenswert:
die Baianas, welche alle Schulen beinhalten. Es sind die Frauen in
diesen riesigen farbigen Reifenröcken, welche sich bis zum Umfallen (tatsächlich
auch passiert) um sich selbst drehen - medienwirksam und deshalb auch
in Europa aus dem Fernsehen bekannt. Das zweite berühmte Element sind
die Mestre-Sala e Porta-Bandeira: Frau mit Reifenrock und Fahne und
Mann dem Drehwurm huldigend. Dieses Intermezzo findet etwa 3 Mal
zwischen den Alsas statt.
- Thema: Achtung! Jede Schule hat sich
an Folgendes zu halten: Das diesjährige Hauptthema hiess natürlich
“450 Jahre São Paulo”. Das muss sowohl im Text des Sambas, sowie
im Konzept der Alas und Wagen verankert sein.
- Samba: das ist die Musik, welche
einerseits das Hauptthema des Wettbewerbs (siehe oben) als auch das
spezifische Thema der Schule wiederspiegeln muss. Z.B. Kulinarisches,
Immigranten, Stadtgeschichte - jede Schule hat ihr eigenes Unterthema,
welches sich nach dem Hauptthema richtet. Für Laien wie mich, ist die
Musik an und für sich nicht nur wildes Getrommel, unmelodiös und
eintönig (man stelle sich vor: eine Stunde dasselbe “Lied” 12
mal! - vier Sänger müssen sich abwechseln, um nicht die Stimme zu
verlieren), sondern auch die Unterschiede der Harmonien und
Melodieführungen der verschiedenen Stücke ist sogar für
Einheimische schwer nachvollziebar. Denkt mehr an Street Parade als
Bossa Nova.
- Benotung: last but not least ist das
Wichtigste für die Schule, das Prestige. Drei Tage nach dem Umzug
wird benotet: dutzende von Richtern bewerten mit 10 oder weniger
Punkten (männliche Jurymitglider sind langweilig und ängstlich und
bleiben meist bei allem bei 10, während Frauen mutiger auch mal eine
7 oder 8 abgeben) Folgendes: Originalität und Thema-Adaption des
Samba (und damit der Alas und Wagen, welche dessen Text verkörpern),
Originalität der Comissão de frente, der Wagen und der Fantasias (Kostüme),
Evoluçao (also gab es Lücken und Zeitverzögerungen im Ablauf),
versteht die Bateria ihr Handwerk, hat sich die Fahne der
Porta-Bandeira nicht verhäddert und haben alle Teilnehmer mitgesungen
und -getanzt? Also da geht es hart auf hart wie es bald für die
Athleten in Athen der Fall sein wird.
Also, alle Träume und Vorstellungen des
wilden Samba-Carnavals von Brasilien sind nun zerstört, wie ich annehme?
- Sehr gut, denn jetzt kommt, wie wir das Ganze persönlich erlebt haben:
11.2.04: Wir (Paty, ihr Bruder Rodrigo,
ihr Vater und ich) wurden wie in einem früheren Bericht erwähnt von
einem Onkel angefragt, ob wir nicht Lust hätten, durch den Sambodromo
zu tanzen. Niemand von uns hatte je Erfahrungen in dieser Richtung
gesammelt - Paty sah mal den Carnavalsumzug in Rio, aber das is alles.
Also, nach wochenlangem Zögern gabs von allen ein scheues “okay”
und die Fantasias wurden bestellt.
18.2.04: Ach da kam der erste Schock -
die Kostüme kosteten nur 40 Reais und waren den Stoff kaum wert. Nix
gewesen mit Bikini, Federkleid oder Baianareifenrock :-( Die “richtigen”
Kostüme können bis über 500 Reais kosten (was uns aber auch nicht so
bewusst war). Es tauchte in einem Internetforum kürzlich die Frage auf:
wer hat denn soviel Geld, all die Kostüme zu fabrizieren? Die Antwort
ist einfach: die teureren Fantasias werden zuerst von den Mitgliedern
der Sambaschule gemietet und dann an andere Städte im Landesinnern
verkauft, wo sie in einem Jahr zum Einsatz kommen. Das Geld kommt also
schnell wieder rein.
13.2.04 (ein Freitag): Eine Woche vor der
grossen Nacht besuchten wir dann die Schule, welche sich im Stadtteil
Pompeia unter einer Brücke befindet (eine riesige Halle wurde da
druntergebaut) und den stolzen Namen “Aguia de Ouro”, auf Deutsch
“Goldener Adler” trägt (http://www.aguiadeouro.com.br/). Da sahen
wir dann die Bateria zum ersten Mal live - und das haut einem um - eine
solche Professionalität der Trommler gemischt mit Showeinlagen der
Extraklasse kann man in Europa wohl lange suchen. Ebenfalls zum ersten
Mal konnten wir die “richtigen” Fantasias begutachten. Die sind von
weitem wunderschön, von nahem, sieht man, dass wörtlich nicht alles
Gold ist, was glänzt, und v.a. Gott sei Dank sind wir leicht bekleidet.
So ein Ding kann ruhig über 20kg wiegen. Den Comfort-Index bei der
Wärme und Luftfeuchigkeit hier mitgerechnet, kann ich nur wiederholen:
Gaças a Deus, stecken wir nicht da drin! Dann hiess es für uns um
Mitternacht (hier fängt gar nichts vor 23:00 an und Kind und Kegel
feiern bei allem was es zu feiern gibt bis in die Morgenstunden durch):
Text und Bewegungen lernen und zum Samba des Umzuges tanzen, eine halbe
Stunde “…que felicidade, minha Pompeia vai te enlouquecer…”,
eine Stunde: dasselbe Lied, anderthalb Stunden - kann den Mist nicht
mehr hören - zwei Stunden: allesamt Flucht ins Auto und heim ins Bett
wo einem das @#%#¨ Stück noch im Traum nachläuft wie die Piccolos
nach einem Besuch des Morgenstraichs.
20.2.04 - der grosse Tag bricht an - am
Nachmittag, denn gut ausgeschlafen muss man sein! Unsere Schule mit 3500
Anhängern, 21 Alas und fünf Wagen kommt als vierte um 2 Uhr früh zum
Einsatz. Das Thema ist “Die Fernsehmoderatorin Ana Maria Braga (natürlich
in Persona auf dem letzten Wagen) zählt 450 Jahre kulinarisches Sao
Paulo”. Der Samba, die Wagen und die Alas sind deshalb Themen gewidmet
wie dem fischenden und jagenden Indianer, dem Einfluss der Skalven und
der Portugiesen auf die Brasilianische Küche und der heutigen Stellung
Sao Paulos als Welthauptstadt der underschiedlichsten Kochkulturen. Doch
vorher müssen wir uns in Geduld üben, es ist erst 22:00: Wagen in der
Pompeia parkiert und dann gehts auf zum Bierstand, man übt nochmals den
Song (…é na batida de tambor que o negro faz a festa… muss man sich
jetzt drehen, oder die Arme hochwerfen?) und sucht den Bus, der einem
zum Sambodromo fahren soll.
Nicht einfach - die Schule hat etwa 50
Busse organisiert, welche sich schön säuberlich in einem Glied einem
Tazelwurm ähnlich über der Brücke aneinander reihen. Doch einen mit
der Aufschrift “Ala 8” (wir, die armen Skaven - eigentlich ist diese
Ala für Favela-Leute reserviert, wir konnten nur mitmachen mit Vitamin
B), suchen wir vergebens. Nach einer Stunde meldet sich bei einigen die
Bierblase und es heisst zurück zur Toilette. Nicht nur, dass wir
unseren Bus nicht finden, auch der Onkel und der Rest der Sippschaft
sind noch nicht eingetrudelt. Einige Busse starten den Motor, wir in den
5. Gang um von der entfernten Toilette nicht noch den Bus zu verpassen -
und siehe da, die ganze Familie findet sich vereint im 3. Bus (da der
Bus unserer Ala dirkt aus der Favela zum Sambodromo fuhr - und wir, halt
nur Skaven - wurden wir aufgesplittet). Wer jetzt aber denkt, es ging
los, hat sich verrechnet. Eine halbe Stunde vergeht, bevor sich das
Gefährt in Gang setzt und eine weitere Stunde, bis der Sambodromo
erreicht ist. Dieser befindet sich zwar nur 10 Autominuten von der
Pompeia entfernt, aber wir müssen in den bis zum letzten
Quadratzentimeter gefüllten Bus ausharren, bis der Parkplatz für
unsere Schule frei wird. Es geht laut zu in der Sardinenbüchse, es wird
gesungen, das ganze Interior des Wagens als Schlagzeug misbraucht und
Bier verteilt, welches den zahlreichen Strassenhändlern durch ein
offenes Fenster (zum Glück kein Klimaanlagebus!!) abgekauft wird. Es
ist heiss, es ist stickig, es nimmt kein Ende, es erinnert an
Militärtransporte und Fussballfanclubs - und es ist genial!
21.2.04 - Happy Birthday Dido, aber den
Geburtstag haben wir leider vergessen für die nächsten Stunden, denn
es wird hektisch! Paty und ich haben uns bei der Buswarterei in ein
anderes, nicht so überfülltes Gefährt abgesetzt, sind angekommen,
müssen der Bierblase huldigen und finden in dem Getümel von tausenden
und abertausenden von kostümierten Paulistanos weder unsere Familie,
noch weitere Angehörige unserer Ala: “Hat jemand von euch noch andere
mit diesem Kostüm gesehen?” - “Welche Schule? Nein, die ist noch
nicht dran” - “Ja, ganz weit vor, beeilt euch!” - “Doch, da ganz
weit hinten, ihr habt noch Zeit!” Versucht euch das Ganze etwas
bildlich darzustellen, oder besser nicht, der Parkplatz und die
Messeanlage, auf der sich dies abspielte hat die Ausmasse von 5
Fussballfeldern. Nach einer halben Stunde haben wir, schon halb den Mut
verlierend, etwas erspäht: Blaue Hosen, blaue Kappe, Zähne um den Hals
- das sind wir! Die gehören zu uns!! Stimmt schon, mit dem
Wehrmutstropfen, dass auch diese sich in der farbenfrohen Masse verirrt
haben… Schliesslich ist unser Fähnchen der verlorenen Sklaven auf 10
angewachsen und - oh Wunder hat sich sogar nach einer weiteren
Viertelstunde mit der grossen blauen Masse vereinigt! Jetzt gehts los!
Ooops, war wohl doch nichts - der Sergant Major Organisator der Schule
kommt vorbei und meint, unsere Ala müsse weiter nach hinten. 5 Minuten
später: nein, doch vor die Baianas - nein, hinter die Araber…. In
wenigen Minuten sind wir dran und weit davon entfernt, die
Tausendschaften organisiert zu haben?? Nein, es geht vorwärts - tanzend,
singend, sich bemalend und die Kostüme kontrollierend setzt sich die
Riesenmasse in Bewegung. Trotzdem: vom Parkplatz zum Sambodromo liegt
ein weiterer Kilometer des Weges vor uns, aber zum Glück ist der ganze
Wettbewerb eine halbe Stunde verspätet, da die erste Schule mit ihren
Wagen Probleme hatte. Die riesigen Umzugswagen links und rechts liegen
lassend stehen wir da, harren aus im grellen Flutlicht und dem Getobe
von vierzigtausenden auf den Rängen von vorn. Es geht los…
2:30 - ES GEHT LOS!!!!!!! Der Text sitzt,
das Kostüm auch, alles ist in Bewegung, die Trommler geben ihr Bestes,
die ersten Alas und Wagen haben bereits die ersten zehntausend Zuschauer
passiert, jetzt kommen wir - WIR KOMMEN! Das ist das Gefühl, das die
Fussballelf beim ersten Tor erfahren muss, das ist Los des Sängers, der
die Massen versucht zu kaufen, das sind die Warhol’schen 15 Minuten,
DAS IST DER CARNAVAL! UND WIR MITTENDRIN. Wir sind nicht da, um eine
Show zu sehen - WIR SIND DIE SHOW! Niemand von uns mag Samba wirklich,
niemand ist ein Carnavalist und hätte sich je dafür interessiert, aber
das! Dieses Feeling, ja das ist unersetzlich! Kameras, TV-Teams (siehe:
http://carnaval2004.globo.com/), Blitzlichthagel - nur das Publikum
scheint etwas zurückhaltend zu sein - kein Wunder, die meisten von
ihnen kamen für die Gaviões vom Corinthians Fussballclub (den hiesigen
Grasshoppers), der Stammschule und Favoriten der Nacht. Welche
Enttäuschung mussten sie erfahren, als gerade der letzte Wagen dieser
Schule zwei Stunden später unkontrollierbar vom Weg abkam, eine Uhr
niederriss, fünf Leute dabei verletzte, das Ausgangstor zerstörte und
deshalb der ganze Tross so verspätet das Stadion verlassen musste, dass
dies nicht nur in 8 Minuspunkten endete, sondern sogar mit der
Degradation in die zweite Liga, da diese Minuspunkte auch bei sonst
guter Wertung nicht mehr einzuholen waren. Viel Schadenfreude bei
einigen Schulen, sind doch die Champions (Sieger 2002 und 2003) als
Mafiosi und arrogant verschrien - was sie auch im Vorfeld des Carnavals
bewiesen. Aber zurück zu uns: Das Defilee ist absolviert, wir sind am
andern Ende des Stadions angelangt und wie es sich auch bei einem
Fussballspiel gehört, wird über Chancen, Fehler und Pluspunkte
diskutiert. Die Fahrt heim ging so schnell, wie dieser lange Bericht
abrupt endet, so dass wir im Fernsehen noch die anderen Schulen sehen
konnten (und v.a. unser gesamter Umzug auf Video). An Schlaf ist an
diesen Tagen eh nicht zu denken, denn auch hier in Osasco geht es laut
zu am Carnaval - bis 7 Uhr Morgens, und Raja braucht ja eh ihre Medizin,
so wie jetzt auch, deshalb hat auch der längste Bericht mal ein
ENDE
PS: gewonnen haben wir nicht, nur achte
wurden wir, aber wir freuen uns auf nächstes Jahr… da werden wir
sicher auch ein etwas ausgefalleneres Kostüm tragen :-)
Inhaltsverzeichnis
Part
1 - English
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Zusatz
Carnaval: 29.2.04 - Fotos
Falls ihr den letzten Bericht wirklich
gelesen haben solltet - oder auch nicht - hier noch ein paar Zusätze:
Wir, das heisst, unsere Schule Aguia de Ouro wurde 8te der Gruppe
Espcial. Die acht besten dieser ersten Liga und die zwei besten der
zweiten Liga machten noch einmal einen Rudgang durch den Sambodromo -
das heisst, wir durften am letzten Freitag um 22:30 wieder antanzen (wörtlich,
was denkt ihr denn)… Nein, nein, jetzt kommt nicht nochmal ein
Monsteraufsatz mit überflüssigen Details und emotionsgeladenen
Ausschweifungen. Ein Bild sagt schliesslich mehr, als tausend
imaginationsschwangere Worte, also los gehts - mit ein paar kurzen(!)
Erläuterungen, das habe ich mir dann doch erlaubt:
****
Halle: Schwer zu
glauben, dass man sich direkt unter einer Autobahnbrücke
befindet - aber das ist nun tatsächlich der Übungsraum der
Aguias de Ouro (kann man im Hintergrund schwach noch an der
Wandmalerei erkennen).

Busse: genau 10m über
letztem Helgen ist dieses Foto aufgenommen. Das geschärfte Auge
erfasst dank computerunterstützter Aufhellung rechts der
fröhlich wartenden Plantagensklaven (inkl. Ben-Hur-iger
Armbanduhr) die Perlenkette der wartenden Busse, welche uns zum
Sambodromo fahren werden - diesmal etwas rassiger als das letzte
Mal…

Paty: frisch
gezöpfelt (eigenhändig durch den Sklavengatten) in ganz ganz
toller Sambaaufmachung. Wie elend und unwichtig wir uns in
dieser farbenfrohen tanzenden Masse vorkamen, kann man sich erst
ins Bild setzen (was für eine unsinnige figürliche
Doppeldeutigkeit schwingt in diesem Worte mit), wenn man
folgende “Fantasias” gesehen hat.

Fantasias
1-3, sowie Baiana: genau das meinte ich vorher! Andere Alas
derselben Sambaschulen reihen sich ein zum zweiten grossen
Defilée.


 
Wagen: nicht mal die
impressivste, professionellste und bestaufgenommene Fotografie
kann die Grösse, Schönheit und Üppigkeit der Carnavalswagen
festhalten - wie soll es denn ein Amateur wie ich mit einer
falsch eingestellten Digitalkamera schaffen??!!!

Start: es ist leider (und auch
völlig zu Recht, es handelt sich ja um einen Wettbewerb - auch
dieses Mal) nicht erlaubt, während des Defilierens von
innerhalb der Schule Fotos zu machen, deshalb nur eins, wie wir
uns mit einem Wagen einreihen - in fünf Minuten stehen wir
zwischen den Flutlichtern weiter vorn - und dann gehts wieder
los wie vor einer Woche, nur mit dem Unterschied der
Witterungsverhältnisse - noch 30 Minuten bis zum grossen Regen,
aber der konnte unseren wilden Samba auch nicht brechen!
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